Ameisenkrieg für Kinder

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BEOBACHTUNGEN IM KINO

Gestern war ich zum ersten Mal im Kino mit meiner 6- jährigen Tochter. Eine Freundin und ihren beiden Jungs (4 und 6 Jahre) hatten auch ihr Debüt mit einem „putzigen“ Kinofilm für Kinder : „Minuscules“. Putzig – so wird er beschrieben in der Zusammenfassung. Für mich war es mal wieder ein erschütternder Moment von Nachdenklichkeit und auch Trauer, über die Werte unserer Gesellschaft.

Schon beim Besuch auf dem WC im Arena Kino in der Sihlcity wurden wir mit Kriegsszenen im Wald, von Bildschirmen die im Boden eingelassen sind, beglückt, während wir uns erleichterten. Maschinengewehre, Militärs, blutverschmierte Gesichter trauriger Helden. Ziemlich ablenkend für eine 6-Jährige die Pipi muss.

Der Butter-Popcornduft zog uns zum Kiosk, der neuerdings mit einer riesigen Süssigkeiten Wand ( mit Wucherpreisen) erweitert wurde. Im GZ kann meine Tochter 5 Gummischlangen für den Preis von einer hier erwerben. So gingen wir gut ausgerüstet, mit einem Eimer Popcorn im Arm erwartungsvoll in den Saal 8. Unglaubliche Leinwand, bequeme Sitze, toller Sound. Kinotechnik vom Feinsten! Damit wir ein möglichst hautnahes Erlebnis haben. Ja, und das hatten wir!

Nach einigen Trailern, und mindestens drei Fragen vom Bub, wann es denn endlich losgeht, ging es endlich los. Ein Perspektivenwechsel in die Sicht eines Marienkäfers und von Ameisen, welch brilliante Idee! Die schönsten Landschaftsaufnahmen aus dem französischen Naturschutzgebiet hatten sofort eine beruhigende Wirkung auf mich Städterin. Und die Insekten waren toll animiert. Sie sprechen nicht, machen herzige Trötlaute und bringen einem wirklich zum schmunzeln. Ist wunderbar animiert -Bravo!

Auf jeden Fall verging mir dann das schmunzeln, und zwar richtig. Die schwarzen „guten“ Ameisen kämpften gegen die roten „bösen“ Ameisen, um eine Büchse mit Zuckerstücken! Die Geschichte spitzte sich immer mehr zu, so dass wir in der zweiten Hälfte des Films mitten im Krieg sassen. Es war wie beim Herr der Ringe oder anderen Klassikern. Die Guten gegen die Bösen. Dramatische Musik, Erschütterungen im Sound, dass man meint, gleich gibt der Boden unter uns nach, Zerstörung, Bedrohung, Angst, Verzweiflung.

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Das rotes Ameisenheer umzingelt zu abertausenden den Bau der Guten. Zahnstochersalven fliegen durch die Luft, mit Steinschleudern wird bombardiert. Am Ende gibt es sogar Feuerwerkskörper, Spraydosen die explodieren. So krass, dass ein Feuerlöschflugzeug den Brand löschen muss.

Tja, das wars es. Der erste Kinobesuch und wir mitten im Krieg! Wie konnte ausgerechnet mir das passieren?
Ich hatte den falschen Trailer angeschaut, von der TV Serie des gleichen Namens und war gar nicht informiert.

Warum muss es in Kinderfilmen so her gehen? Warum können die Ameisen sich die Beute nicht teilen? Warum kann nicht endlich mal eine Geschichte anders erzählt werden, so dass man vielleicht mal eine neue Perspektive auf eine Situation bekommen könnte? Hätten sie nicht gemeinsam eine Zuckerfete feiern können? Oder den Zucker boikottieren können, weil der sie so aufpeppt? Wozu brauchen wir diese polarisierende Geschichten? Wem dient das? Ich erlebe das als trennend, stressig und destruktiv. Wir sehen den Feind immer als etwas im Aussen, anstatt endlich mal anzufangen unsere Schatten zu integrieren. Oder eine Brücke zu schlagen und zu verbinden auf andere Art und Weise.

Nach dem letzten James Bond Film hatte ich ein auch paar grosse Fragezeichen. Was in aller Welt lässt uns so einen emotional verkümmerten Helden wie James Bond anhimmeln? Entspannte Freizeitunterhaltung bei der zirka 70 Menschen vor meinen Augen ermordet werden. Gruppen von jungen Leuten die verkleidet Bond zelebrieren gehen! In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Schade! Eine Ameisenstory hätte echt gehaltvoll sein können! So koordiniert und machtvoll wie diese kleinen Tiere doch sind. Und vor allem der Perspektivwechsel könnte dem Betrachter ja auch helfen die Natur neu wahrzunehmen und sich wieder mehr zu verbinden.

Ich würde diesen Film erst ab 16 freigeben. Ich kann es einfach nicht verstehen, dass Krieg machen zu einem Hauptteil der normalen Unterhaltung heutzutage gehört.

Meine Tochter überstand mit ein bisschen Händchen halten und Hände-vors-Gesicht Support alles gut. Hielt sich ab und zu die Ohren zu, so dass es für sie scheinbar verkraftbar war. Sie sagte später, es wäre gar nicht so schlimm, es wäre ja nicht „echt“. Ja, da hat sie recht. Es ist Fiktion. Aber die Gefühle, die dadurch entstehen, die sind real. Ich hatte ganz echtes Adrenalin in meinem Körper. Mich hat es gestresst, in der Atmosphäre von Krieg, Bedrohung und Zerstörung zu sitzen. Für mich ist das emotionale Umweltverschmutzung! Es ist doch kein Wunder, wenn die Grenze für Gewalt sinkt bei unseren Jugendlichen!

Den nächsten Filminhalt werde ich auf jeden Fall ausgiebig und gründlich prüfen!

 Hier ist der Trailer von Minuscules.

 

 

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